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16 May 2014 @ 11:37 pm
Überraschend tiefe Pfütze  
Das Spektrum der romantischen und sexuellen Orientierungen ist ja ziemlich groß und multidimensional und bereitet den meisten Menschen entsprechend einige Schwierigkeiten. Der Durchschnittsbürger ist mittlerweile ganz gut damit vertraut, dass da noch mehr ist als "Jungs mögen Mädchen und Mädchen mögen Jungs", dass Mädchen auch mal Mädchen mögen und Jungs auch Jungs, und der ein oder andere hat sogar schon geschnallt, dass manche Leute auch mehr als ein Geschlecht anziehend finden (und vielleicht sogar, dass diese Leute nicht "verwirrt" sind oder "sich nicht entscheiden können" oder "einfach nicht zugeben wollen, dass sie eins von beidem sind").
Aber wenn man das grade begriffen hat, kommen plötzlich so komische Dinge wie Poly-, Pan- und Asexualität und gar die radikale Vorstellung, dass sexuelle Orientierung und romantische Orientierung ganz unterschiedliche Dinge sind, die eventuell gar nicht untrennbar verknüpft sein müssen, und das ist schwierig und dann sind Otto und Anna Normalbürger ziemlich verwirrt. Wie, nicht das gleiche? Wie, mehr als zwei Geschlechter? Wie - Leute, die gar nicht wollen? Gibt's das? Geht das überhaupt? Das geht doch gar nicht.
Da haben die meisten Leute ein Problem mit.

Wisst ihr, wer da nie ein Problem mit hatte?

Die Kati.
Meine Kati, die wohl der oberflächlichste, platteste, unreflektierteste Mensch ist, der mir jemals genug bedeutet hat, um von mir "Freundin" genannt zu werden. Meine Kati, die die Meinungen anderer ohne weiteres übernimmt, wenn sie nur mit genügend Autorität vorgetragen werden. Meine Kati, die wohl zu den Menschen gehört, für die "Dancing Through Life" geschrieben wurde. Meine Kati, über die ich entsprechend ziemlich fiese Dinge sage.

Eine komische Freundschaft, die wir haben. Wir haben uns im Laufe der Jahre ziemlich grässliche Dinge angetan. Wie zwei so unterschiedliche Menschen überhaupt jemals Freunde geworden sind, ist ein Rätsel für sich.

Aber hier ist eine Sache, die nie ein Thema war:
Kati hatte ihre Männergeschichten.
Ich nicht.

Ich war ja ein ziemlicher Spätzünder, zusätzlich zu der Tatsache, dass bei mir sowieso alles etwas später kam, weil ich ein Jahr jünger war als der Rest der Klasse, und mit einigen Ausreißern in die erwartete Richtung habe ich zum Thema Partnerschaft im Allgemeinen eine ziemliche "eh, whatever"-Einstellung. Was natürlich zu entsprechenden Fragen führte. (Nicht, wie bei den meisten, seitens meiner Familie, wohlgemerkt. Bei uns pieksen einen keine alten Tanten auf Hochzeiten in die Seite und sagen "Du bist die Nächste!". Meine Familie ist da in vorbildlichem Maße entspannt.)
"Wie findest du den Soundso?"
"Magst du irgendwen?"
"Hast du keinen Freund?"
"Warum denn nicht?"

Kati hat diese Fragen nie gestellt. Kati hat über Jungs geredet, ich habe zugehört, und Kati hat nie gefragt, wie's denn bei mir aussieht. Kati hat bedingungslos akzeptiert, dass Romantik bei mir kein Thema war.

Als es dann später doch ein Thema wurde, war sie zwar überrascht, hat das aber ebenso diskussionslos akzeptiert wie mein Desinteresse bis dahin.

(Es war ein Liebesgedicht, ich weiß es noch. Ich schrieb es, sie las es und sagte: "Wenn ich's nicht besser wüsste, würde ich sagen, das ist ein Liebesgedicht." Ich sagte: "Es ist aber ein Liebesgedicht." Sie sagte: "Oh, okay." Und das war das. Ich weiß nicht mehr, ob sie noch gefragt hat, an wen. War aber auch nicht wichtig.)

Vielleicht wusste Kati etwas, was ich nicht wusste, aber ich zumindest hatte damals noch nie von Aromantik oder Asexualität gehört. Dass es Menschen geben könnte, die einfach gar kein Bedürfnis nach diesen Dingen haben, war mir nie in den Sinn gekommen. Was mich selbst betraf, ging ich einfach unbeirrt davon aus, dass das schon noch irgendwann kommen würde. Dass es eventuell nicht kommen könnte, fiel mir niemals eins.
(Nicht verkneifbarer Seitenhieb: was natürlich wieder sehr hübsch einen fundamentalen Missstand unserer Gesellschaft illustriert.)

Und da frage ich mich schon:
Wenn dieses Wesen, dass mir (und nicht nur mir) jahrelang wie eine wundersame Pfütze von einem Menschen erschien, von Beginn an problemlos in der Lage war, das Konzept der Aromantik - ob mit Namen oder nicht - einfach zu begreifen und zu akzeptieren -

warum, zum Kuckuck, ist das für die meisten denn so schwer?


Meine Kati hat heute Geburtstag. Alles Gute, meine Liebe. Rock on.
 
 
 
uncleftish beholding: don't bother me with factsoloriel on May 17th, 2014 06:44 pm (UTC)
warum, zum Kuckuck, ist das für die meisten denn so schwer?

Weil die meisten Leute eben feste vorgefertigte Überzeugungen haben und es viiiel schwerer ist, was Neues zu begreifen und zu akzeptieren, wenn man es eben nicht gewohnt ist, andere Meinungen einfach zu akzeptieren. Im Gegenteil, die meisten haben ja einen geradezu religiösen Eifer, ihre Meinung als die Einzig Richtige (TM) durchzusetzen, als wäre es eine Schwäche, wenn nicht alle anderen die gleiche Meinung haben wir man selbst...

Von daher, so von außen betrachtet macht das eigentlich total Sinn, dass jemand, der fremde Meinungen unhinterfragt übernimmt, eben auch bei so etwas einfach nickt und kein Aufhebens macht.

Warum das nicht alle tun können, ist allerdings trotzdem eine sehr gute Frage. (Sagt die Frau, die sich auch viel zu oft über abweichende Meinungen aufregt. Aber meine IST nun mal die einzig wahre! ;))